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Die Schule ist verrückt

‹Die Schule ist verrückt› ist ein Buch – selbstredend – über die Schule. Aber um welche Schule geht es? Schule wird hier in einem umfassenden Sinn verwendet. Auf Schweizer Verhältnisse bezogen sind mit ‹Schule› alle Primarschulen, alle Sekundarschulen der Stufen I und II eines Kantons, die kantonale Bildungsadministration und weitere Stellen, die eine wesentliche Funktion im Schulgeschehen spielen (z.B. die Pädagogische Hochschulen PH), gemeint.

Um was genau geht es dabei? Dazu nur so viel:
Eltern wundern sich, was ihre Kinder von der Schule berichten, und welche Art von Hausaufgaben sie heimbringen. Aufgabenstellungen und Lösungsstrategien muten seltsam an. Reformen haben den Schulalltag in den letzten Jahren nachhaltig umgestaltet. Nicht nur Eltern, auch viele direkt beteiligte Lehrpersonen sind verunsichert.
Auf der anderen Seite feiern die Erziehungswissenschaften und die Bildungspolitik jede Neuerung als Durchbruch. Sie verschweigen dabei, dass sich die wesentlichen Fragen im Zusammenhang mit Bildung und Schule ganz unmöglich wissenschaftlich gültig untersuchen lassen. Mehrjährige Studien in grossem Rahmen mit zufällig gebildeten Gruppen und Kontrollgruppen wird es in unseren Schulen nie geben.

‹Die Schule ist verrückt› enthält einen Versuch, die Entwicklungen der Schule in den letzten zehn, zwanzig Jahren kritisch zu reflektieren.



Autor


Christof Schärer

Christof Schärer, der Autor des Buches, war während vieler Jahre Mathematiklehrer am Gymnasium Kirchenfeld in Bern. Auf den ersten Blick klingt dies nach einem Spezialisten, dem der Blick für die Schule als Ganzes abgeht. Er war zwar Fachlehrer mit Herzblut, daneben aber erweiterte er seine Sicht auf die Schule als Ganzes z.B. als Prorektor des damaligen Naturwissenschaftlichen Gymnasiums Kirchenfeld während mehrerer Jahre. Er war auch Praktikumsleiter für Studenten der PH. Nicht zu vergessen sind die paar Jahre als Hobbygewerkschafter im früheren Bernischen Lehrerverein, davon die meiste Zeit als Vizepräsident der Sektion Bern Stadt.
Ganz besonders hat ihn die Mitarbeit bei Organisation, Steuerung und Weiterentwicklung des QSE-Systems zuerst des Naturwissenschaftlichen Gymnasiums Kirchenfeld und später der Gesamtschule, also des Gymnasiums Kirchenfeld, geprägt.

Den vorliegenden Text verfasste Christof Schärer berufsbegleitend während der letzten vier Jahre als aktiver Lehrer.
Er ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in Bern.



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Leseprobe

Er redet und redet. Aber zu den wichtigsten Akteuren der Schule, nämlich den Schülerinnen und Schülern, sagt er nichts. Das kann man mir vorwerfen und man hat damit recht. Aus zwei Gründen werde ich mich zu ihnen auch weiterhin kaum äussern.

Zum einen sind Schülerinnen und Schüler sehr verschieden. Sie unterscheiden sich vom Alter, vom Geschlecht, von der Herkunft, vom sozialen Umfeld usw. In einem Text, der sich mit der Schule im Allgemeinen befasst, müssten allgemeingültige Aussagen zu ihnen zu finden sein. Solche Aussagen – ausser ganz banale – gibt es kaum. Jedenfalls liegen sie ausserhalb meiner Reichweite.

Mein zweiter Grund wiegt schwerer. Autorinnen und Autoren, die sich zur Schule äussern, neigen dazu, Kinder und Jugendliche zu instrumentalisieren, also für ihre Zwecke zu missbrauchen. Plädiert z. B. ein Pädagogikprofessor für eine offene Schule mit viel Schülerautonomie, so begründet er dies mit den Bedürfnissen der Kinder. Diese würden ihre Persönlichkeit nur so entfalten können. Und wie argumentiert eine Professorin, die sich für lehrergesteuerte Arbeitsformen und klare Strukturen einsetzt? Für sie sind selbstredend die Bedürfnisse der Kinder wichtig. Nur bei geleitetem Unterricht sei der Lernerfolg aller Schüler gesichert.
Für jeden, der versucht, sich zu Schülerinnen und Schülern zu äussern, sind Halbwahrheiten, ja sogar glatte Falschaussagen nicht weit. Etwas undiplomatischer formuliert: Wer mit den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler argumentiert, der lügt.

Der französische Staatsmann Léon Gambetta prägte im 19. Jahrhundert in einem völlig anderen Zusammenhang den berühmten Satz «Toujours y penser, jamais en parler». Was unsere Schülerinnen und Schüler betrifft, so werde ich mich an dieses Motto halten.

Und trotzdem rede ich noch etwas weiter. In Studien und Büchern zur Schule wird der Einfluss der Schülerschaft auf den Unterricht häufig vernachlässigt oder überhaupt nicht erwähnt, das zu Unrecht. Sie können als Lehrperson noch so professionell und gekonnt unterrichten, wenn die Schülerinnen und Schüler nicht mitziehen, stehen Sie auf verlorenem Posten.

Im Kapitel 8.1 werde ich mich mit der Frage ‹Was ist guter Unterricht?› auseinandersetzen. Bildungstheoretiker beantworten diese Frage meist in Form einer Liste von Kriterien für guten Unterricht. Noch nie habe ich in einer dieser Listen das Kriterium ‹Gute Schülerinnen und Schüler› gefunden. Man tut immer so, als wäre die Schülerschaft unabhängig vom jeweiligen Ort und der jeweiligen Schule die gleiche.
Die Damen und Herren der Unterrichtsforschung sehen die Schülerschaft offenbar als eine amorphe Masse, die durch die Lehrperson ‹motiviert› werden muss. Klappt der Unterricht nicht, so sind die Pädagogen schuld. An den Schülerinnen und Schülern kann es nicht liegen.




Inhaltsverzeichnis


1. Vorbemerkungen
2. Einstimmung
3. Impressionen aus der Schule
    3.1 Ein Kollegium zeigt Charakter
    3.2 Der Autor wundert sich
    3.3 Eine Nation bricht auseinander
4. Minenfeld Schuldiskussion
    4.1 Damals, weisst du noch?
    4.2 Grüsse von Parzival
    4.3 Diffamieren
5. Der Stand der Dinge
    5.1 Die nächste Reform, bitte!
    5.2 Der Wetterbericht für ein Jahr
    5.3 August 1914
6. Illusionen
    6.1 Ein schwarzer Gorilla
    6.2 Illusion des Selbstvertrauens
    6.3 Illusion des Wissens
    6.4 Illusion der Ursache
    6.5 Kausalität braucht Zufall
7. Mitspieler
    7.1 Der Mann von der Strasse
    7.2 Politiker
    7.3 Experten
    7.4 Journalisten
    7.5 Amateure
    7.6 Endlich: Schülerinnen und Schüler!
    7.7 Wir Lehrerinnen und Lehrer sind pragmatisch
    7.8 Resümee

8. Bunt Gemischtes
    8.1 Was ist guter Unterricht?
    8.2 Unschärferelationen
    8.3 Eine merkwürdige Fixierung
    8.4 Pseudokonstruktivisten
    8.5 Lehrer oder Coach?
    8.6 Ein Professor aus Neuseeland
    8.7 Chronologie einer Reform
    8.8 Männer, werdet Lehrer
    8.9 Administration
    8.10 Kompetenzinspirierte
    8.11 Gewerkschaften
    8.12 Blick über den Tellerrand
    8.13 Unterricht in Zeiten von IT
9. Utopia
    9.1 Dystopia
    9.2 Allgemeinheit
    9.3 Medien
    9.4 Politik
    9.5 Unterrichtsforschung
    9.6 Gewerkschaften
    9.7 Lehrerschaft
    9.8 Resümee
10. Fazit
11. Dank